Tür umgeben von einer Wand voller Bücher.

Dichterjuristen: Goethe, Kafka, Heine und so…

Dichterjuristen finden sich überall in der Literaturgeschichte. Dabei handelt es sich um Anwälte oder Rechtsgelehrte, die der Wortkunst verfallen sind. Dichterjuristen haben uns zahlreiche Belege ihres Schaffens hinterlassen und auch ihre Meinung über ihren Berufsstand und die Ausbildung von Juristen kundgetan. Wir haben eine kleine Zusammenstellung bedeutender Wortkünstler zusammengetragen und beginnen in den Tiefen der Vergangenheit:

 

Sebastian Brant und das Narrenschiff

 

Sebastian Brant auf einer Zeichnung von Albrecht Dürer

Sebastian Brant: 1458-1521

Sebastian Brant zählt zu den ersten deutschsprachigen Dichterjuristen. Er wurde vermutlich 1458 geboren und starb am 10. Mai 1521. Literaturgeschichtlich erzielte der Jurist und Religionswissenschaftler nachhaltige Wirkung mit seinem Hauptwerk „Das Narrenschiff“. Die 1494 erschienene Moralsatire beschreibt die Schifffahrt von 100 Narren in das fiktive Land Narragonien. Der französische Philosoph Michel Foucault bezeichnete die Narrenschiffe als „Pilgerschiffe, stark symbolische Schiffe mit Geisteskranken auf der Suche nach ihrer Vernunft“.
Brant spielte auch eine wichtige Rolle in der Rechtsgeschichte. Er verfasste die deutschsprachigen Vorreden zum 1509 erstmals gedruckten Laienspiegel und dem um 1436 verfassten Klagspiegel. Der Klagspiegel ist das älteste Rechtsbuch, das römisch-rechtliche Inhalte in deutscher Sprache vermittelt. Der Laienspiegel hatte zum Ziel, rechtliche Inhalte der damaligen Zeit möglichst allgemeinverständlich zu vermitteln.

 

Goethe: Jura ist wie Bier

 

Johann Wolfgang von Goethe auf einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1828

Johann Wolfgang von Goethe: 1749 bis 1832

Einer der wohl bekanntesten Dichterjuristen war Johann Wolfgang von Goethe. Der Dichter des „Fausts“ galt der Forschung als Universalgenie. Sein Verhältnis zur Juristerei war gespalten. Über den Anwaltsberuf sagte er einmal in einem Zitat: „Es ist mit der Jurisprudenz wie mit dem Bier; das erste Mal schauert man, doch hat man’s einmal getrunken, kann man’s nicht mehr lassen“. Die Äußerungen des Doktor Faust klingen jedoch weniger erbaulich:

„Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;…“

Goethe studierte Jura unter anderem in Leipzig. 1771 äußerte er sich in einem Brief resiginiert: „Auch das Cäremoniel weggerechnet, ist mirs vergangen Doktor zu seyn. Ich hab so satt am Lizenzieren, so satt an aller Praxis, daß ich höchstens nur des Scheines wegen meine Schuldigkeit thue…“. Begeisterung klingt anders.

 

E.T.A. Hoffmann: Aus den Abgründen des Kammergerichts

 

ETA Hoffmann

E.T.A. Hoffmann: 1776-1822

„Die Wochentage bin ich Jurist und höchstens etwas Musiker, Sonntags am Tage wird gezeichnet und Abends bin ich ein sehr witziger Autor bis in die späte Nacht … „, schrieb der Autor von „Die Elexiere des Teufels“ an einen Freund. Von Goethe missachtet fand er aufgrund seiner unheimlichen und spukhaften Werke vor allem bei Heinrich Heine, Dostojewski, Franz Kafka und Edgar Allen Poe Beachtung.

Hoffmann war unter anderem als Richter im Kammergericht Berlin tätig. Themen wie psychische Erkrankungen von Beschuldigten, Folter und Giftmord mit denen sich Hoffmann als Richter zu beschäftigen hatte, spiegeln sich in seinen Geschichten. So beispielsweise in der Kriminalerzählung Das Fräulein von Scuderi. In der Novelle geht es um eine Mordserie in Paris. Die Opfer, alles adlige Männer, werden jedes Mal mit einem Stich ins Herz getötet, während sie mit einem Schmuckgeschenk auf dem Weg zu ihrer Geliebten sind.

 

Heinrich Heine und das juristische Wischiwaschi

 

Heinrich Heine auf einem Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim aus dem Jahr 1831

Heinrich Heine: 1797-1856

Heinrich Heine stand mit der Rechtswissenschaft auf Kriegsfuß: „Von den sieben Jahren, die ich auf deutschen Universitäten zubrachte, vergeudete ich drei schöne blühende Lebensjahre durch das Studium der römischen Kasuistik, der Jurisprudenz, dieser illiberalsten Wissenschaft.“ Der Dichter von „Deutschland ein Wintermärchen“ studierte in Bonn, Göttingen und Berlin. In Göttingen wurde er aufgrund des Verstoßes gegen das Duellgesetz für ein Semester der Universität verwiesen. In Berlin widmete er sich eher der Dichtkunst, weil er „mit der Brust voll unverstandener Sehnsucht und den Kopf voll von noch unverstandenem juristischen Wischiwaschi“ an dem Jurastudium zu verzweifeln drohte.

Über sein Studium sagte er auch: „Ich brachte jenes gottverfluchte Studium zu Ende, aber ich konnte mich nimmer entschließen, von solcher Errungenschaft Gebrauch zu machen, und vielleicht auch, weil ich fühlte, daß andere mich in der Advokasserie und Rabulisterei leicht überflügeln würden, hing ich meinen juristischen Doktorhut an den Nagel.“ Die Laufbahn eines Advokaten blieb Heine auch wegen seiner jüdischen Herkunft verwehrt. Er starb als armer Mann im Pariser Exil.

 

Franz Kafka: Jura als geistiges Holzmehl

 

Porträt von Franz Kafka.

Franz Kafka: 1883-1924

Zu den Dichterjuristen zählt auch der in Prag geborenen Schriftsteller Franz Kafka. Sein Ruhm entstand erst durch die posthume Veröffentlichung seiner Werke. Über sein Jurastudium sagt er: „Ich studierte also Jus. Das bedeutete, dass ich mich in den paar Monaten vor den Prüfungen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies von Tausenden Mäulern vorgekaut war.“ Nach dem Studium arbeitet Kafka in mehreren Versicherungsgesellschaften.

Kafka thematisierte in vielen seiner Werke Fragen von Schuld und Strafe. So zum Beispiel im Fragment „Der Prozess“ oder in der Erzählung „In der Strafkolonie“. Die Novelle „Das Urteil“ soll er nach eigenen Angaben in einer Nacht geschrieben haben.

In seinen „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“ stellte Kafka fest: „Sündig ist der Stand, in dem wir uns befinden, unabhängig von Schuld.“

 

Kurt Tucholsky: Panther, Tiger & Co

 

Kurt Tucholsky als vierjähriges Kind auf einem Foto.

Kurt Tucholsky (hier im Alter von vier Jahren): 1890-1935

„… ein ganz einheitlicher Mensch von 21 Jahren. Vom gemäßigten und starken Schwingen des Spazierstocks, das die Schulter jugendlich hebt, angefangen bis zum überlegten Vergnügen und Mißachten seiner eigenen schriftstellerischen Arbeiten. Will Verteidiger werden …“ So beschreibt Franz Kafka den Zeitgenossen Kurt Tucholsky nach einem Treffen 1911. Anwalt wurde Tucholsky später nicht.

Tucholsky legte sich während seiner Arbeit als Journalist verschiedene Pseudonyme zu. So nannte sich der Autor der „Weltbühne“ unter anderem Peter Panter und Theobald Tiger. Die Tiernamen sollen auf einen juristischen Lehrer zurückgehen, der die Eigenart besessen haben soll, seine Fälle mit skurrilen Personennamen zu schmücken, von Benno Büffel über Isidor Iltis bis zu Leopold Löwe.

 

Dichterjuristen der Gegenwartsliteratur

 

Auch in der Gegenwartsliteratur finden sich immer wieder Dichterjuristen. Neben dem amerikanischen Bestsellerautor John Grisham ist auch Bernhard Schlink, Autor von „Der Vorleser“, Anwalt. In dem mehrfach prämierten Werk beschäftigt er sich mit dem Umgang der Täter der Shoa in der Bundesrepublik der 1960er-Jahre.

Auf die Frage, warum er auch als Schriftsteller tätig ist antwortete Schlink: „Vielleicht, weil die Wahrheit des Rechts ebenso in Worten und Sätzen liegt wie die Wahrheit von Geschichten und weil die Dinge hier wie dort zu ihrem Ende gebracht werden müssen.“

 

Bildquellen

Moritz Arand
ma@kanzlei-ktr.com

Moritz Arand ist in unserer Kanzlei für Marketing und die Kommunikation zuständig. Zudem ist er der künstlerische Leiter unseres Kunstraums und arbeitet als Journalist für verschiedene Unternehmen.

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