Crowdworking und Arbeitsrecht – Arbeit 4.0

Die Digitalisierung des Alltags hat einen starken Einfluss auf die Art und Weise, wie wir unsere Arbeit verrichten. Ganz entscheidend ist hierbei die Vernetzung durch das Internet, die Mobilität durch Geräte wie Handy und Laptop sowie die Möglichkeit, dass man heutzutage in der Lage ist, sich kostengünstig einen Arbeitsplatz selbst einzurichten. Eben dies ermöglicht es Unternehmen, Aufgaben und Aufträge beliebig auf der Welt zu verteilen und den Ausführenden diese an jedem beliebigen Ort abzuarbeiten. Durch diese neue Art der Auftragsverteilung ist es neuerdings auch möglich Kleinstaufträge zu verteilen, was zuvor technisch nicht möglich bzw. wenig rentabel war. Diese Form der Aufgabenverteilung wird Crowdworking bzw. Crowdsourcing genannt.

Der folgende Artikel ist Teil des KTR-Themenmonats „Arbeit 4.0“ und wird sich kritisch hinterfragend mit Crowdworking insbesondere im Bezug zum Arbeitsrecht befassen und jedem Interessierten eine umfassende Übersicht und Einsicht gewähren.

Was ist Crowdworking?

Crowdworking erinnert stark an Crowdfunding und kommt dem Gedanken auch sehr nah. Während beim Crowdfunding jedoch eine sogenannte „Crowd“ (übersetzt „Menge, Masse“) eine Finanzierung gemeinsam stemmt, übernimmt die Crowd beim Crowdworking Aufträge und Arbeiten. Beiden ist die „relative“ Anonymität der Personen in der Crowd gleich. Ein großer Unterschied besteht jedoch im Ergebnis, denn beim Crowdfunding handelt die Crowd wirklich gemeinsam, während jedoch beim Crowdworking letztlich nur ein Auftrag, eine Idee oder ein Problem in die Crowd gegeben wird, welches am Ende dann nur eine Person oder eine kleine Gruppe löst. Die Crowd besteht somit nur im Moment der Ausschreibung. Welche Probleme dies mit sich führt, erklären wir noch später.

Wie funktioniert nun Crowdworking?

Dem Crowdworking geht der Schritt des Crowdsourcings voraus. Dies bedeutet, dass ein Auftraggeber (Crowdsourcer) bestimmte Arbeiten oder Probleme (dann Aufträge) für die Crowd auf Internetportalen ausschreibt bzw. anbietet, welcher dann durch einen oder mehrere Crowdworker (Auftragnehmer) umgesetzt bzw. gelöst werden. Der Auftragserteilung geht somit immer ein Wettbewerb zwischen den Crowdworkern vor, welcher sich von Ausschreibung zu Ausschreibung ändern kann. Dies kann letztlich dazu führen, dass die Crowdworker bspw. im grafischen Bereich den Auftrag bereits erfüllen, in dem diese eine Grafik erstellen, jedoch der Crowdsourcer sich für eine andere Arbeit entscheidet. Der Crowdworker erhält dann keine Bezahlung für seine Arbeit.

Der Crowdsourcer (Auftraggeber) schreibt Aufträge/Arbeiten/Probleme (Aufträge) für die Crowd aus, für welche dann einzelne Crowdworker oder kleinere Gruppen (Auftragnehmer) ihre Arbeit bzw. Lösungen anbieten.

Welche Vorteile hat das Crowdworking?

Das Grundkonzept, nämlich die Vergabe/Ausschreibung von Aufträgen ist natürlich hinreichend bekannt und nicht neu. Das Besondere ist vielmehr die Reichweite der Auftragsvergabe und insbesondere die mögliche Kleinteiligkeit und die Art und Weise der Aufgaben. Der Crowdsourcer kann einen Teil seiner eigenen Infrastruktur einsparen, weil er sie nicht mehr benötigt.

Des Weiteren hat der Crowdsourcer Zugang zu einer großen Menge an Wissen und Erfahrung, wie er sie nirgends finden wird. Im eigenen Unternehmen ist der Crowdsourcer auf seine Arbeitnehmer limitiert, welche verständlicherweise keine Crowd von mehreren 1000 Personen ersetzen können.

Zuletzt ist es natürlich eine Kosteneinsparung für die Unternehmen. Sie müssen gewisse Strukturen nicht vorhalten und finden Personen, welche teilweise für einen sehr geringen Stundenlohn Arbeiten erfüllen, welche anders nicht finanzierbar wären.

Durch den Druck der Unternehmen Strukturen zu schaffen, die eine eine schnelle und möglichst kostengünstige Arbeit gewähren, wird eine starke Crowd immer wichtiger. Dies lässt zumindest in Teilen die aktuelle Struktur von Unternehmen hinfällig erscheinen und legt die Vermutung Nahe, dass in 20 Jahren möglicherweise nur noch „Rumpfunternehmen“ übrig bleiben, welche einen Großteil ihrer Aufgaben outsourcen bzw. dann crowdsourcen.

Auch der einzelne Crowdworker findet Vorteile am Crowdworking. Noch nie war die Hürde für die Erlangung von Arbeit bzw. Aufträgen so niedrig. Letztlich meldet man sich nur in den entsprechenden Internetportalen an und kann dann gleich loslegen. Darüber hinaus ist durch den Auftragscharakter und die Mobilität eine Verschmelzung von Arbeits- und Privatleben in unbekannten Ausmaß möglich. Dem entspringt auch die Weiterentwicklung des Begriffs Work-Life-Balance zu Work-Life-Blending („Arbeits-Lebens-Verschmelzung“). Andere schätzen zudem, die Freiheit ungebunden zu sein.

Doch eben diese Entwicklung hat auch Nachteile für die Crowdworker. Es entfallen zwar Aufwendungen und Anstrengungen für die Akquise, jedoch geht dies mit einem Verlust der festen Geschäftsbeziehung einher. Crowdworker sind „nur“ Teil der Crowd und damit „beliebig“ ersetzbar. Dies lässt sich am Besten im mittlerweile berühmten Zitat von Lukas Biewald, Gründer der Plattform Crowdflower erkennen.

„Bevor es das Internet gab, wäre es sehr schwierig gewesen, jemanden zu finden, der zehn Minuten für einen arbeitet und den man nach diesen zehn Minuten wieder feuern kann.“

Crowdworking bietet sowohl für Crowdsourcer als auch für Crowdworker viele Vorteile, birgt aber auch große Risiken, welche zumeist von den Crowdworkern getragen werden.

Was bedeutet Crowdworking nun für das Arbeitsrecht?

Um Crowdworking besser einteilen zu können, muss zunächst auf die Besonderheit des internen Crowdworkings hingewiesen werden. Dies bedeutet, dass ein Unternehmen intern die Möglichkeit des Crowdworkings anbietet und somit für die eigenen Arbeitnehmern meist abteilungsübergreifend Aufträge oder Probleme ausschreibt. Hierbei handelt es sich streng genommen nicht um die klassische Form des Crowdworkings und wir werden diese Form in einem späteren Abschnitt beleuchten.

Die wichtigste Frage beim Crowdworking muss zunächst lauten, ob denn überhaupt das Arbeitsrecht einschlägig ist. Denn dies kann nur einschlägig im Verhältnis Arbeitgeber und Arbeitnehmer sein. Somit besteht die Frage nach der Arbeitnehmereigenschaft von Crowdworkern.

Ist ein Crowdworker Arbeitnehmer ?

Bei einem Arbeitnehmer handelt es sich laut Gesetz um eine Person in einer abhängigen Beschäftigung, welcher selbst nicht frei über Arbeitszeit, -inhalt oder -form entscheiden kann. Sie unterliegt den Weisungen des Arbeitgebers und ist wirtschaftlich von diesem abhängig. Ein Crowdworker hingegen kann frei bestimmen, was er macht, wann er das macht, wie er das macht oder wo er das macht. Somit besteht zumindest dem Aussehen bzw. der Organisation nach keine weisungsbestimmte Beschäftigung. Eben dies stellt gerade für beide Seiten den Reiz des Crowdworkings dar, wobei der Arbeitgeber keinen Arbeitnehmer einstellen muss und der Crowdworker nicht auf Dauer an einen Crowdsourcer gebunden ist. Demnach besteht in dieser Hinsicht kein Arbeitsverhältnis.

Fraglich ist jedoch, ob nicht vielleicht eine wirtschaftliche Abhängigkeit besteht. Diese würde bestehen, wenn das generierte Einkommen die entscheidende Existenzgrundlage bildet. Umso einschlägiger ist der Gedanke, wenn man betrachtet, dass ein Crowdworker meist nur auf einer Internetplattform aktiv ist. Dies rührt daher, dass die Plattform entweder spezialisiert auf bestimmte Dienstleistungen ist oder auch die dahinterstehende Community für den Erfolg der eigenen Arbeit mitverantwortlich ist. Ein Wechsel ist somit kaum oder nur sehr schwer möglich. Auftraggeber ist jedoch nicht die Plattform selbst, sondern in den meisten Fällen vermitteln die Plattformen lediglich die Auftragnehmer weiter. Und in den seltensten Fällen ist dies immer der gleiche Auftraggeber, so dass sich keine spezielle Abhängigkeit zu diesem entwickeln kann. Es besteht also eine gewisse wirtschaftliche Abhängigkeit, welche jedoch nur gegenüber der Plattform von Dauer ist. Diese umgeht eine mögliche Verantwortung jedoch, in dem sie nur als Vermittlerin auftritt. Somit ist auch nach geltendem Recht der Crowdworker kein Arbeitnehmer.

Der Crowdworker ist kein Arbeitnehmer, da es an der wirtschaftlichen Abhängigkeit gegenüber dem Crowdsourcer fehlt und dieser auch kein Weisungsrecht gegenüber dem Crowdworker Inne hat.

Was folgt nun aus dieser Erkenntnis? Ist der Crowdworker Selbstständiger?

Wie bereits festgestellt, besteht keine dem Arbeitsrecht bekannte Abhängigkeit zwischen Crowdworker und Cowdsourcer. Somit kann nach der aktuellen Gesetzeslage der Crowdworker nur Selbstständiger bzw. Unternehmer sein. Doch inwieweit besteht wirkliche Selbstständigkeit?

Was passiert, wenn die Plattform den Crowdworker sperrt? Dies kann die gleichen Gründe haben wie auch die klassische Kündigung des Arbeitnehmers und insbesondere hat es die gleichen Folgen. Jedoch hat der Crowdworker nur wenig rechtliche Handhabe dagegen und selten eine adäquate soziale Absicherung. Denn wo das Arbeitsrecht den schwächer gestellten Arbeitnehmer schützt, steht dem Crowdworker nur das normale Zivilrecht zur Seite, welches in der Plattform und dem Crowdworker gleichberechtigte Vertragsparteien sieht. Hier kann dem Crowdworker wohl am Meisten das AGB-Recht helfen, welches jedoch nur den Gelegenheitsjobbern zur Seite steht, da ein hauptberuflicher Crowdworker wohl eher als Unternehmer gilt.

Der Crowdworker ist aktuell Unternehmer, nur fehlt es diesem an einer gleichwertigen Unabhängigkeit wie einem klassischen Unternehmer. Es ist zu konstatieren, dass die aktuelle Rechtslage dem Modell nicht entspricht.

Folgt man diesen Gedanken, dann kann man auch nicht von einer richtigen Selbstständigkeit sprechen. Denn dies scheitert an den Möglichkeiten der Selbstbestimmung und der Unabhängigkeit. Zwar kann auch ein Selbstständiger von einem Auftraggeber abhängig werden, jedoch ist dies eher der Einzelfall. Im Gegensatz ist die Abhängigkeit des Crowdworkers von der Plattform existenziell.

Man erkennt also relativ schnell, dass eine wirkliche freie Selbstbestimmung des Crowdworkers nicht besteht. Vielmehr hat sich durch den technologischen Fortschritt eine Sparte von Arbeitnehmern/Selbständigen entwickelt, welche aktuell nur rudimentär die Vorteile der jeweiligen Sparte hat.

Was ist beim internen Crowdworking zu beachten?

Das interne Crowdworking ist letztlich ein Mischform aus Crowdworking und dem klassischen Unternehmen und ermöglicht es dem Unternehmen unentdeckte Kräfte freizusetzen und den Arbeitnehmern eine gewisse Unabhängigkeit bzw. Abwechslung zu ermöglichen. Der Arbeitgeber hat hierbei darauf zu achten, dass er bei Bestehen eines Betriebsrates diesen früh in das Verfahren einbindet und dass natürlich eine solche Vergabe nicht dazu führen darf, dass Arbeitnehmer keine Arbeit mehr haben, da diese keine Aufträge bekommen. Denn zum einen haben diese ein Recht auf Arbeit gemäß § 615 BGB und zum anderen darf eine Ausgestaltung dieser Form nicht das Risiko einer Unterlastung – zu sehr –  auf den Arbeitnehmer verlagern. Dennoch bietet das Modell eine Vielzahl an Chancen und Möglichkeiten für beide Seiten und kann bei richtiger arbeitsvertraglicher Ausgestaltung für viel frischen Wind im Unternehmen sorgen.

Fazit

Abschließend können wir feststellen, dass das Crowdworking extern wie intern die Zukunft des Arbeitsmarktes massiv verändern wird. Die Vorteile sind einfach zu groß und auch die Crowdworker haben sich immer mehr daran gewöhnt eine gewisse Unabhängigkeit zu erfahren. Jedoch bergen die aktuellen Ausgestaltungen auch die Gefahr einer Crowd von unterbezahlten und sozial schlecht bis gar nicht abgesicherten Personen, welche ihre vermeintliche Unabhängigkeit mit einem hohen Preis bezahlen, welcher ihnen zumeist gar nicht bewusst ist. Teil dieses Problems ist nicht nur die aktuelle Rechtslage, welche noch nicht dem neuen Modell Rechnung trägt sondern auch die Crowdworker selbst. Diese sind letztlich nicht selbst als Crowd organisiert wie es andere Arbeitnehmer in Gewerkschaften oder Betriebsräten sind, sondern nur über eine Plattform, bei der das Geschäftsmodell nur auf Auftragsvergabe ausgelegt ist. Der Einzelne ist in diesem Modell unwichtig und ersetzbar. Dazu kommt erschwerend, dass Aufträge international verteilt werden und somit immer andere Rechtskreise einschlägig sind.

Dies soll kein Votum gegen Crowdworking darstellen, sondern nur eine Erkenntnis, dass das aktuelle System noch Verbesserungsbedarf hat bzw. die Rechtslage nun an die Realität angepasst werden muss.

Bildquelle: © nakophotography - fotolia.com
Kilian Springer
ks@kanzlei-ktr.com

Rechtsanwalt Kilian Springer berät Sie im Handels- und Gesellschaftsrecht, im Marken- und Urheberrecht und im IT- und Softwarerecht.Seine Begeisterung für Technik, Kunst und Innovation treiben ihn an und genau in diesen Feldern berät er Startups und Unternehmen von der Gründung bis hin zum Tagesgeschäft. Sie erreichen ihn unter der Nummer: 0341 - 24 700 252Oder auch per Mail an: ks@kanzlei-ktr.com

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