Arbeit 4.0 – Mehr Risiken oder mehr Chancen?

Der Begriff Arbeit 4.0 ist derzeit in aller Munde. Nachdem Arbeitsministerin Nahles im November ihre Ergebnisse und Vorschläge in ihrem Weißbuch der Öffentlichkeit präsentiert hat, rätseln einige darüber, was mit Arbeit 4.0 überhaupt gemeint ist, während sich die anderen in ihren bisherigen Strukturen entweder gefährdet oder bestätigt fühlen.  Von den Möglichkeiten des „Desk-Sharing“, „Bring your own device“ über „Crowd-Working“ machen viele Unternehmen bereits Gebrauch. In Zukunft werden eine Vielzahl neuer Begrifflichkeit auftauchen und  wir werden lernen, hiermit umzugehen. Unsere Themenwoche versucht daher das weite Feld der Arbeit 4.0 aufzuzeigen und beleuchtet in einer zusammenfassenden Art und Weise Vorteile und Risiken des Selbigen.

Das ist Arbeit 4.0

Wie so oft üblich, gibt es für Arbeit 4.0 keine allgemeingültige Definition. Zusammenfassend kann der Begriff wohl am besten damit beschrieben werden, dass die z.T. heute schon gelebte Arbeitsweise, vor allem aber die Arbeitsweise in den nächsten Jahren sich an die Herausforderungen und Möglichkeiten der digitalen Welt anpasst (anpassen muss). In diesem Zusammenhang umspannt Arbeit 4.0 dann den Veränderungsprozess der Arbeitswelt im digitalen Zeitalter.

Wir stehen aktuell vor der Herausforderung, dass technologischer Fortschritt nicht ausgebremst werden darf (kann), selbiger aber auch nicht dazu führen soll, dass Schutzstandards und Wesentlichkeiten der Arbeitswelt planlos über Bord geworfen werden.

Risiken von Arbeit 4.0

In diesem Zusammenhang wird derzeit wohl am meisten über die Flexibilisierung von Arbeitszeit und Arbeitsort diskutiert. Start-Ups leben diese flexiblen Arbeitsweisen bereits. Mit Laptop und Schreibtisch kann heute theoretisch von jedem beliebigen Ort auf der Erde im Team oder an einem Projekt gearbeitet werden und zwar in Ney York um 11:00 Uhr vormittags und in Berlin um 17:00 Uhr nachmittags. Was im Grunde genommen ein Vorteil ist, birgt aber auch nicht unerhebliche Risiken und Schwierigkeiten. Sowohl in gesundheitlicher Hinsicht, als auch in rechtlicher Hinsicht.

Allgemein gilt es im Rahmen des Gesamtprozesses Arbeit 4.0 einen klaren Überblick zu erlangen, was wahrlich keine leichte Aufgabe darstellt. Im Wesentlichen geht es um den Spagat zwischen Flexibilisierung/Gewinnmaximierung und dem Schutz von Arbeitnehmerrechten. Das Besondere dabei ist, dass im Grunde Interessen von Arbeitnehmern auf beiden Seiten zu finden sind. Flexibilisierung kann vieles erleichtern. Der Weg zur Schule um die Kinder abzuholen. Ein kurzer Gang in die Stadt, ein kurzer spontaner Treff mit einer guten Freundin. Die Arbeit kann kurz warten und wird einfach später wiederaufgenommen.

Auf der anderen Seite haben sich über viele Jahre hinweg Arbeitsschutzvorschriften entwickelt. Erst in den 1960er Jahren setzte sich die 40-Stunden-Woche und ein arbeitsfreier Samstag durch. Im 19. Jahrhundert waren Arbeitszeiten von wöchentlich bis zu 80 Stunden keine Seltenheit – Knochenarbeit wohlgemerkt, keine Büroarbeiten. Auch, dass zwischen zwei Arbeitstagen der Arbeitnehmer mindestens 11 Stunden Ruhe einlegen muss, ist festgelegt und folgt einer Entwicklung, die dem Schutz der Arbeitnehmer vor gesundheitlichen Beeinträchtigungen entgegenwirken sollte – mit einem recht einfachen Mittel: Ruhe vor der Arbeit. Insofern muss an dieser Stelle die Frage gestellt werden, ob und wie von diesen Schutzstandards abgewichen werden kann. Gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit, in der ständige Erreichbarkeit Fluch und Segen gleichermaßen ist und die Grenzen zwischen echten sozialen Kontakten und dem digitalen Sozialnetzwerken mehr und mehr verschwimmen.

Vorteile von Arbeit 4.0

Allen Veränderungen zum Trotz – das digitale Zeitalter lässt sich nicht aufhalten. Selbstverständlich werden Arbeitsprozesse zunehmend digitalisiert, automatisiert und dadurch auch erleichtert. Andere Arbeitsstrukturen sind denkbar. Hierarchien werden angepasst (werden müssen), Arbeitszeitmodelle werden entwickelt – Arbeitsplätze werden neu definiert.

Möglicherweise lässt sich in Zukunft eine Lösung für viele Pendler finden, die Tag für Tag wertvolle Arbeits- und Lebenszeit auf den Straßen liegen lassen. Büromieten könnten eingespart werden und aus einem ganzen Pool von Auftragnehmern könnten Unternehmen Ihre Aufträge rund um die Uhr vergeben.

Rechtliche Bestandsaufnahme

Die zwei großen Fragestellungen bei der Entwicklung des Prozesses Arbeit 4.0 sind dabei:

„Wie lässt sich der digitale Fortschritt ohne die Aufgabe von Arbeitsschutzstandards und Beteiligungsrechten umsetzen?“

Hier sei insbesondere darauf hingewiesen, dass Unternehmen mit Betriebsrat bei vielen Fragen in Bezug auf Arbeit 4.0 Mitbestimmungsrechte haben, die der Arbeitgeber zwingend zu beachten hat. Insbesondere der in § 5 Abs. 1 Arbeitszeitgesetz geregelte Grundsatz, wonach Arbeitnehmer nach Beendigung der täglichen Arbeitszeit eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens elf Stunden haben müssen. Durch die jederzeitige Erreichbarkeit via Smartphone stellt sich bereits die Frage, ob das Lesen einer dienstlichen E-Mail kurz vor dem Schlafen, die Ruhezeit unterbricht. Hier gilt es klare Grenzen zu entwickeln und diese auch umzusetzen.

„Wie kann der Arbeitgeber auch in Zukunft sein Weisungsrecht im Hinblick auf Ort und Zeit der Arbeitsleistung noch effektiv ausüben“

Dies ist eine der spannenden Fragen. Wer Flexibilität fordert, muss auch bereit sein, Weisungsrechte zu minimieren. Jedes gewonnene Prozent an Flexibilität wird vom Direktionsrecht abzuziehen sein – beides in angemessenen Einklang zu bringen – eine große Herausforderung.

Hierbei stellt sich insbesondere die Frage, wie weit gebe ich als Arbeitgeber meinem Arbeitnehmer Vertrauen bei der Gestaltung seiner Arbeitszeit. Schließlich folgt die Vergütungspflicht aus der Ableistung der vertraglich vereinbarten Arbeitsstunden. Wo Vertrauen nicht vorhanden ist, kommen sofort Gedanken an eine dann notwendige Überwachung der Arbeitszeit und gleich im Anschluss an datenschutzrechtliche Bestimmungen. Alles unter einen Hut zu bekommen, wird eine spannende Aufgabe.

 Themenmonat Arbeit 4.0

Die Kanzlei KTR wird sich in den kommenden Beiträgen zur Thematik mit den hier aufgezeigten Problemfeldern befassen und versuchen eigene Lösungsvorschläge zu entwickeln, die zum gesellschaftlichen Diskurs beitragen sollen.

 

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Tim Schneidewind
ts@kanzlei-ktr.com

Rechtsanwalt Tim Schneidewind berät Sie im Arbeitsrecht, Internetrecht sowie im Handels- und Gesellschaftsrecht.Seit 2015 postet Rechtsanwalt Tim Schneidewind in regelmäßigen und auch unregelmäßigen Abständen zu alltäglichen Fragen des Arbeitsrechts. Sie erreichen mich unter der Nummer: 0341 - 24 700 253Oder auch per Mail an: ts@kanzlei-ktr.com

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